musikunterricht

ERWEITERTER MUSIK-UNTERRICHT (EMU)

Wenn ich singen kann, geht es mir gut!

Im November 1986 hatten Delegierte aus 19 Kantonen und Liechtenstein die IASEM (Interkantonale Arbeitsgruppe für Schulversuche mit Erweitertem Musikunterricht) gegründet. Sie zeichnete für die Durchführung der Kurse verantwortlich, wobei die Schweizer Klassen nicht nur von Spezialisten, sondern auch von normalen musikinteressierten Pädagogen geführt werden sollten, die an Weiterbildungsseminarien ihre fachlichen Kompetenzen erweitern konnten.

1987 durfte ich mit zahlreichen Berufskollegen am ersten Kurs in Sornetan, im Jura, teilnehmen. Es folgten weitere Seminarien in Budapest, Hitzkirch, Gwatt und Evian. Seit nun gut 10 Jahren unterrichte ich den EMU in der 5./ 6. Klasse an unserer Schule. Die Zukunftskonferenz im Januar 1997 hat unter anderem mit dem Auftrag geschlossen, den EMU an der Evang.Schule auf alle Schulstufen auszuweiten. Seit dem Schuljahr 1997/98 erhalten nun alle Schülerinnen und Schüler einen intensiveren Musikunterricht mit erweiterten Zielsetzungen.

Die Idee

Es ist eine Tatsache, dass die heutige Schule vorwiegend die linke Gehirnhälfte anspricht und trainiert. Die linke Gehirnhälfte arbeitet aber ungefähr wie das Telefon: Sie nimmt via Gehör die Sprache auf und verarbeitet die nacheinander gehörten Wörter zu einer Mitteilung. Die rechte Hälfte arbeitet im Gegensatz dazu eher wie das Fernsehen: Sie filtert die Mitteilung und gibt sie via Bildschirm als ganzes Bild, als Eindruck weiter. Die linke Gehirnhälfte kontrolliert also den Intellekt, das vernunftmässige Denken, die Logik, das Kennen und Wissen, in der Ausdrucksweise Pestalozzis: den "KOPF".

Die rechte Hälfte ist Sitz der Kreativität, der Intuition, des Unterbewussten, der Empfindungen, nach Pestalozzi: des "HERZENS". Nur wenn beide Gehirnhälften ausgewogen zusammenarbeiten und keine das Übergewicht erhält und wenn als drittes auch die "HAND", also der Körper, nicht zu kurz kommt, nur dann sind Menschen ausgeglichen, lebensfähig, und nicht nur lebenstüchtig. Warum soll aber nun gerade die Musik diesen Stellenwert in der Erziehung erhalten? Die Musik hat - wie kein anderes Schulfach - einen sehr hohen Integrationsanteil an der Persönlichkeitsentwicklung, da sie mit der Melodie die rechte, mit Takt und Rhythmus die linke Gehirn-Hemisphäre beeinflusst. Ein Verknüpfen beider Elemente gewährleistet eine gleichmässige Entwicklung der Persönlichkeit. Kommt noch der Tanz als körperliche Ausdrucksform der Musik oder auch das Spielen eines Instrumentes hinzu, dann ist Pestalozzis Bild vom Kopf-, Herz- und Hand - Menschen in idealem Masse entsprochen.

Wissenschaftliche Untersuchungen in ganz Europa haben gezeigt: "Schüler mit erweitertem Musikunterricht lernen rascher schreiben, weil sie auch Noten schreiben, und sie lernen schneller lesen, weil sie gelernt haben, Motive optisch zu erfassen. Sie sind gewandter im Formulieren, weil sie an Volksliedtexten geschult sind. Im weiteren haben sie eine höhere Sprachfertigkeit (Muttersprache und Fremdsprache) und ein besseres Gedächtnis, weil ihr Gehör vom Musikdiktat her geschult ist. Sie zeichnen besser, weil der Form- und Farbensinn auch im Musikunterricht geübt wird und weil das Instrumentalspiel sie geschickter macht. Sie sind konzentrationsfähiger, was von der rhythmischen Schulung und vom Singen herrührt. Schliesslich haben sie ein reicheres Gefühlsleben und denken besser, weil die musikalische Analyse das logische Denken stärkt." (Zitat: Gabor Friss, Professor an der Franz-Liszt-Akademie in Budapest)

Das Ziel

Durch die Arbeit am Lied, durch Rhythmik, Bewegung und Tanz, Körperschulung, Haltungsaufbau, Atemschulung, Stimmbildung, durch rhythmische und melodische Schulung, durch Improvisation in Sprache, Gesang und Bewegung, durch musikalische Begriffsbildung leistet ein umfassender Musikunterricht einen Beitrag zur Gesamterziehung. Ein sensibilisiertes Gehör, eine geschulte Stimme und spielerisch erlernte Mu-siktheorie bilden einen harmonischen Dreiklang. Die Erfahrung, beim gemeinsamen Singen einem grossen Ganzen zu dienen, weist auf die Verbundenheit aller Dinge und lässt das allen Menschen Gemeinsame in sich selbst entdecken. Das gemeinsame Singen, das Arbeiten am Stimmenausgleich, das gegenseitige Anpassen, Auf-sich-hören, Sich-Spüren, die gemeinsamen Vorträge und Auftritte fördern ein soziales Verhalten und das Erlebnis in der Gemeinschaft.

Hans Balmer