kindergeschichten

Kinder brauchen Geschichten

Geschichtenkreis

Jeden Mittwoch ist in der 3./4. Klasse "Kinder brauchen Geschichten" Zeit. Ich lese oder erzähle den Kindern eine Geschichte, ein Märchen, ein Gedicht oder eine pointierte Aussage vor. Im gemeinsamen Gespräch versuchen die Kinder ihre Gedanken in Worte zu fassen und miteinander auszutauschen. Dabei ist es mir wichtig, dass sie lernen ihre Aussagen zu begründen und zu belegen. Nicht einfach: "Mir gefällt die Geschichte", sondern: "Mir gefällt die Geschichte gut, weil sie spannend geschrieben ist und ich mir die Szene so genau vorstellen kann. Oder: "Ich finde die Geschichte langweilig, für mich passiert hier zu wenig."

So erfahren die Kinder

  • dass eine Geschichte nicht bei jedem das gleiche auslöst
  • dass es auch erlaubt ist, anderer Meinung zu sein
  • dass sie nicht immer gleich aufgelegt sind, einem Text zuzuhören
  • dass sie beim Zuhören auch neue Ideen bekommen können
  • dass ganz einfache Texte zum Weiterdenken, Lachen, Weiterschreiben, Phantasieren anregen können
  • dass man "Kritik üben" üben kann
  • dass sie lernen, eigene Gedanken in Worte zu fassen
  • dass ein Text auch einfach zum Schweigen einlädt
  • dass es Textsorten gibt, die einem mehr liegen, sie deshalb aber die Ohren vor Ungewohntem nicht verschliessen müssen
  • ...

Gerne wähle ich Geschichten, die zum Weiterdenken anregen. Ich staune, wie viele Gedanken sich die Kinder machen und wie fähig sie sind, miteinander zu diskutieren. Das bestätigt mich in der Ansicht, dass man Kinder mit Geschichten selten überfordert, wenn nachher Zeit zum Austauschen zur Verfügung steht.

Geschichten schreiben

Das anschliessende Gespräch ist oft der Anlass, sich an eigene Texte zu wagen. Es kann aber auch ein Musikstück, ein besonderer Duft, ein Bild oder eine Phantasiereise sein, die zum Texte schreiben animieren

So bald die Kinder bereit sind, fangen sie mit schreiben an. Bei einigen geht das schneller, andere brauchen noch Zeit um die zündende Idee zu finden. Geschrieben wird im Schulzimmer, es besteht aber auch die Möglichkeit, sich ein einsames Plätzchen im Schulhaus zu suchen. Kinder, die sich leicht ablenken lassen, ziehen sich gerne an einen ruhigen Ort zurück.

Beim Geschichten schreiben gehen wir folgendermassen vor:

  • Erzähl dir in Gedanken die Geschichte (wenn nötig)
  • Schreibe sie in dein Schreibheft auf
  • Lies deine Geschichte noch einmal durch, verbessere, wo es nötig ist (mit dem Wörterbuch)
  • Such dir eine PartnerIn
  • Lies deine Geschichte vor
  • Verbessert gemeinsam mit Farbstift
  • unterschreibt beide die Geschichte

Dieses Vorgehen erlaubt den SchülerInnen nach ihrem eigenen Rhythmus vorzugehen. Einige haben nach einer halben Stunde ihren Text geschrieben, durchgelesen und für sich korrigiert. Andere brauchen dafür den halben Morgen. Jedes Kind nimmt sich die Zeit für's Geschichten schreiben selbst.

Das gegenseitige Verbessern muss zuerst auch gelernt werden. Manchmal ist es mühsam, immer im Wörterbuch nachzuschlagen. Wie einfach, wenn ich einfach schnell das Wort an die Wandtafel schreiben würde. Am Anfang gehen die Kinder sehr grosszügig miteinander um, vor allem wenn es um die Logik in den Texten geht. Ich sehe aber auch, wie gern die Kinder einander die Texte vorlesen, sie wichtig nehmen und besprechen. Sie merken dabei auch, dass es gar nicht so einfach ist, einen Text zu verbessern.

In der Zweiergruppe bekommen sie direkten Einblick in das Schreiben der andern Kinder. Dass immer wieder Zusammensitzen mit neuen Partnern ist zudem förderlich für das soziale Klima in der Klasse.

Erst nach dem gemeinsamen Verbessern wird das Heft abgegeben. Ich versuche möglichst nur auf Rechtschreibfehler zu korrigieren.

Nach meiner Korrektur erfolgt das Einschreiben und Verzieren der Geschichte. Die Texte werden nach der Dichterleseung im Schulzimmer oder Schulhausgang aufgehängt und können dort bestaunt und immer wieder gelesen werden.

Dichterlesung

Der krönende Abschluss einer Geschichte ist die Dichterlesung. Das heisst, jedes Kind darf der Klasse seine Geschichte vorlesen. Zu diesem Zwech wird der Text zu Hause noch einmal geübt. Dabei achten die Kinder auf fliessendes Lesen, gute Betonung und angemessenes Lesetempo.

Der oder die Dichterin sitzt im Kreis auf einem besonderen Stuhl, dem Dichtersessel. Die andern versuchen sich ganz auf die gehörte Geschichte einzulassen. Nach dem Vorlesen darf jeder Dichter, jede Dichterin vier "Kritiker" auswählen, die ihm gezielt auf die Geschichte eine Rückmeldung geben. Hier kann das Gelernte vom Geschichtenkreis eingesetzt werden. Die 3./4. Klässler geben sehr gekonnt und differenziert ihre Kritik ab. Im Vordergrund steht natürlich das Positive - aber ohne weiteres wird auch mangelndes Üben beim Vorlesen gerügt, oder eine langweilige Stimmführung. Dies geschieht jedoch nie in verletzender Art. Da entwickeln die Kinder ein sehr feines Gespür

Da die "Kritiker" ihre Aussagen begründen, kann der "Dichter" davon für das nächste Mal profitieren.

Ich als Lehrerin halte mich zurück und höre nur zu. Ich staune immer wieder, wie die Geschichten manchmal bei Kindern etwas ganz anderes auslösen als bei mir. Texte zum Beispiel, die ich beim Verbessern als eher gewöhnlich ansah, werden so gekonnt vorgelesen, dass die andern Kinder davon begeistert sind. Sie spüren sehr genau kleine Nuancen im Text, die mir vielleicht nach längerem Verbessern gar nicht mehr aufgefallen sind. Den Kindern und mir zeigt die Dichterlesung immer wieder, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, einen Text aufzunehmen. Dies fordert mich als Lehrerin heraus, die Texte als etwas Eigenständiges anzuschauen und zu versuchen, die Kinder in ihrer Ausdrucksweise zu begleiten und zu fördern.

Wahl der Geschichte des Monats

Da die Evangelische Schule nun eine eigene Website besitzt, haben wir die Möglichkeit Geschichten auch öffentlich zu machen. Die Auswahl geht folgendermassen vor sich:

Nach der Dichterlesung, die in zwei Teilen erfolgt, wählen die Kinder die Geschichte des Monats aus. Die Wahl erfolgt auf Wunsch der Kinder schriftlich. Jedes Kind hat eine Stimme, die es vergeben kann. Diejenigen zwei Geschichten, die am meisten Stimmen erhalten, werden im Internet veröffentlicht. Dabei wird auch darauf geachtet, dass mindestens von jedem Kind einmal im Jahr eine Geschichte veröffentlicht wird.

September 2000 Eva-Maria Millius-Imboden